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Buxtehude: Freie Orgelwerke
Buxtehude: Freie Orgelwerke
Rezension der neuen Urtext-Ausgabe bei Breitkopf

Dieterich Buxtehude: Orgelwerke

Breitkopf & Härtel Urtext | Band I/1 und I/2 | Freie Orgelwerke (pedaliter) | Herausgeber: Harald Vogel
EB 9304 & 9305

In der Generation vor Bach hat kaum ein weiterer Komponist ein so umfangreiches Schulbildendes Oeuvre hinterlassen wie Dieterich Buxtehude. Der grosse Bach selbst pilgerte zum Lübecker Meister nach St. Marien, um sich bei ihm in der Orgel- und Kirchenmusikkunst weiterzubilden, und überzog den ihm dazu gewährten Urlaub von wenigen Wochen auf ganze drei Monate – was Bach dann verständlicherweise tüchtigen Ärger einhandelte. Das Feld der Buxtehude-Ausgaben ist reichlich bestellt und reicht von den billigen Dover-Reprints der alten Seiffert-Ausgaben, über die (teilweise bereits revidierten) Ausgaben von u.a. Albrecht, Beckmann, Schumacher zur edlen Luxus-Ausgabe von Belotti im Hochpreissegment.

Der Grandseigneur der norddeutschen Orgelschule, Harald Vogel, lange Jahre Landeskirchenmusikwart und Orgelprofessor in Norddeutschland und verdienter Botschafter der grossartigen Orgelbau- und Orgelmusikkunst dieser Region hat nun, gemeinsam mit der Edition Breitkopf (von der bereits die ältere Beckmann-Ausgabe vorliegt) eine vollkommene Neubewertung der Handschriften des 17. und 18. Jahrhunderts vorgenommen, welche die freien Orgel- und Clavierwerke enthalten.

«Die wichtigsten quellenorientierten Aspekte, die diese Neuedition der freien Orgelwerke begründen und von den bisherigen Ausgaben unterscheiden, sind

  • die Wiedergabe aller Notenwerte mit den quellenkonformen Balkungen und Taktvorzeichnungen,
  • die Notation der Pausen nach dem Vorbild der Quellen,
  • die Wiedergabe der überlieferten metrischen Strukturen,
  • das Notationsbild der deutschen Claviernotation mit nicht durchgezogenen Taktstrichen sowie
  • die bisher nicht übliche Verwendung der Titel nach dem Vorbild der Quellen.»

«Die wichtigsten praktischen Aspekte, die von den historischen Notationen abweichen, sind

  • die Geltung der Vorzeichen für einen ganzen Takt,
  • der flexible Gebrauch von zwei und drei Systemen,
  • die flexible Anordnung der Stimmen auf den beiden oberen Systemen sowie
  • die Seitenaufteilung des Notentextes im Hinblick auf günstige Wendestellen.»

Das Notenbild und die Stimmenverteilung ist sehr übersichtlich, der Pedalgebrauch so, wie in den Quellen angegeben, bzw. dort wo auf zwei Systemen notiert wird, mit «Ped.» bezeichnet, und bei vielen Stellen ad libitum möglich, so dass auch eine Ausführung vieler Passagen manualiter möglich ist, wie dies in der damaligen Zeit Praxis war.  Die Wendestellen sind praxisnah und übersichtlich gestaltet. Leere Seiten zu Wendezwecken werden mit Reprints der Quellmanuskripte aufgelockert.

Der äusserst umfangreiche zusammenfassende Kritische Bericht im 2. Band gibt nicht nur Hintergründe zur Quellenauslegung und zur bekanntermassen komplexen Quellenlage wieder, sondern bietet mit akribischen Fehlerbezeichnungen zwischen Quelle und Edition, sowie Erläuterungen zu den verschiedenen Arten der Fehlerentstehung erhellenden Einblick in die Quellenlage und in die Arbeitsweise des Herausgebers. Zusätzlich finden sich zu jedem einzelnen Werk nützliche Erläuterungen und Interpretationshinweise. Die vorliegende Edition vermischt nicht unterschiedliche Quellen zu einer zusammengefassten «synthetischen Version», sondern bietet – bei mehreren vorliegenden Alternativen – im Anhang die jeweiligen Varianten zur Auswahl.

Die beiden Bände sind vom Preis-Leistungsverhältnis sehr günstig, der dritte Band mit den Manualiter-Werken ist in Vorbereitung. Es bleibt zu hoffen, dass auch eine Ausgabe der Choralgebundenen Werke Buxtehudes (Choralvorspiele, Partiten und Choralfantasien) folgt.

Gemeinsam mit dem umfassenden, sehr lesenswert und spannend gestalteten Kritischen Bericht und den Interpretationshinweisen, sowie zusammen mit der separat seit Jahren schon im CD-Verlag MDG vorliegenden Gesamteinspielung aller Orgelwerke Buxtehudes mit Harald Vogel auf bedeutenden historischen Orgeln in Norddeutschland, bietet die vorliegende Neuausgabe der freien Orgelwerke Buxtehudes ein hervorragendes Kompendium und Lehrwerk der norddeutschen Orgelkunst: für mich persönlich – DIE Buxtehude-Ausgabe für mein Orgel-Notenpult!

Thomas Haubrich, im Juli 2022

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Veröffentlicht von Thomas Haubrich
Thomas Haubrich, sprengt als Organist und Dirigent gerne Grenzen. Im Im thurgauischen Amriswil als Kirchenmusiker tätig, betreut er vielfach Orgelbauprojekte und gibt Konzerte im In- und Ausland.